Ich will von der Zukunft schwärmen…

Ich will von der Zukunft schwärmen.

Von Stipendien, Erfolgsgeschichten, Preisen, ersten Stellen. Vom Querdenker-Freundeskreis, von Theaterstücken und LieblingsWGs. Von Altbauwohnungen und Weinkisten, Käse- und Weinabenden mit Musikerfreunden. Von unserer Katze, dem Hund, den Kindern. Von Verlobungen und Blumen im Haar und tanzenden Tanten, Freunden, die schon Kinder haben.

Ich will schwärmen vom Wohlstand der kleinen Leute, dem Wohlstand der Bücherstapel und improvisierten Möbelstücke, will schwärmen vom Schaukelstuhl und einem kühlen Wind auf dem Balkon, wo ich lächeln darf, die Augen schließen. Atmen. Ich möchte schwelgen in diesem Bild von einer Zeit, doch ich kann es nur mit schlechtem Gewissen. Ob dies nicht nur gespielt ist, weiß nichtmal ich selbst.

In einer Zeit, wo die Vereinigten Staaten keine Träume mehr bieten können für ihre junge Generation, wo täglich Schüsse fallen, jetzt, 2016. Wo das Vereinigte Königreich untergeht im eigenen Saft, aber stolz wie Harry. Wo sich ein Kind in der Zeitung in der Rubrik „Wenn du dir etwas wünschen könntest“ wünscht, dass sich die Länder in Europa nicht mehr streiten. Wo Menschen wie Zahlen im System… Menschen als Nummern. So viele. Das hatten wir doch schonmal hier…

Wo Menschen ein halbes Jahr, ein ganzes Jahr und noch ein Jahr auf einen Stempel warten – für einen Stempel brauchen – der ganze Schicksale entscheidet. Die Banalität des Bösen wiederkehrt. Wo man sich die Analyse von Fingerabdrücken Hilfsbedürftiger mehr kosten lässt als Menschenleben, Welle für Welle, Boot für Boot. Wo Schurken für Schurkereien bezahlt werden, damit diejenigen, die wissen was Gerechtigkeit ist, sich nicht auf den Weg machen können. Wo es Zäune gibt, Neue, zwischen hier und drüben.

Und wo die Zeit die Dinge entscheidet, und nicht der Glaube an das Gute.

Wo Menschen mich erschüttern durch ihre Personlosigkeit. Wo Menschen erschüttern durch ihre Haltungslosigkeit. Durch Aushalten, Raushalten, Abwarten, Stumm schalten. Flugmodus.

Wo Boateng lieber kein Nachbar sein soll und in Friedlingen Neonazis tagtäglich das Haus einer Familie umstellen. Wo Malerlehrlinge sich umziehen um Rauchen zu gehen, weil sie sich schämen, erkannt zu werden. Wo deine Wohnung zwangssarniert wird und anstatt 400€ danach das zehnfache kostet. Und du schon wieder umziehen musst.

Ich lasse lieber andere schwärmen davon, wie gut es uns geht.

Es geht uns gut. Je nachdem wie man das wir definiert.

Dort wollen wir, meine Katze, mein Hund, meine Freunde, die Kinder – dort sollen wir leben?

Wir werden versuchen, gegen Windmühlen anzurennen. Gleich Sancho Pansa mit der lahmenden Stute. Aber immerhin laufen wir nicht zu Fuß.

Wir werden kleine Schritte gehen. Oft die Schuhe ausziehen müssen, um Steine herauszuschütteln. Uns die Finger verbrennen und viele Klöße im Hals herunterschlucken, ebenso Wut. Kopfschütteln angesichts Vielem. Uns an die Köpfe fassen, wenn wir nicht mehr weiter wissen, das Gesicht verborgen.

Doch aus Zahlen, Nummern, Buchstaben schaffen wir es immer wieder, Menschen zu machen, Wellen und Boote- Und schließlich: Verbindung, Vertrauen und Gemeinschaft. Den Wohlstand der Bücherstapel, Erfolge und Zukunft, mit Katzen und Kindern und einem feinen Luftzug auf dem Balkon. Wo man die Augen schließen und das Gesicht in die Sonne halten kann. Durchatmen, für einen kleinen Moment. Ich will schwärmen von diesem Ort. Ich will schwärmen können davon, wie gut es uns geht.

Es geht uns gut. Denn wir definieren viele neue Wirs, ein neues Uns.

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