Pfand

Pfand

„Ich musste meinen Rock dalassen. Pfand.“ Sie klappt das Buch zu, grinst. Brecht, du Wicht. Mann mit Brille auf dem Taschenbuchumschlag, die Hände am Gestell, Finger leicht gespreizt. Brecht, du Wicht, sie lacht und ein kleiner Gedanke zieht vorüber.

„Man nehme einen x-beliebigen Satz aus einem Buch und nehme diesen zum Ausgangspunkt für einen Schundroman. Einen schmutzigen. Dieser darf natürlich auch gerne in Dramenform präsentiert werden, als erotische Fabel oder gar Dadaistisches Pornodrehbuch. Kubistisches Körperkino, wo die Brüste der Klappergestelle nur so wippen bei Eckigem, Zackigem, Spitzem und Steifem. Natürlich alles in Spitze, geklöppelt, von alten Witwen irgendwo in den österreichischen Alpen.“

Genau in diesem Moment ist sie dabei, ein neues Spiel zu erfinden.

Sie dreht das Buch in den Händen und Buchumschlag-Brecht schmunzelt und als sie nicht hinguckt, kratzt er sich an der Stirn.

Sie nimmt die Brille ab, sie kratzt sich, etwas sitzt auf ihrer Nase. Das ist wahrscheinlich die Zweideutigkeit, murmelt Buchumschlag-Brecht.

Ihre Nase ist nicht so groß wie seine. Ihre Brille rutscht trotzdem.

Seine Mundwinkel sind spitz. Lippen: Fast ein Grinsen. Das sieht nur, wer es sich auch denken kann. Brecht, du Wicht. Ob er wohl ein guter Küsser war? Eine große Nase, auf diesem Foto. Auf anderen bestimmt auch. Eine Nase ist ja keine Frage der Perspektive. Deshalb muss er auch die Brille festhalten. „Wie die Nase eines Mannes,… Nein, besser“, denkt sie, „so auch meine Phantasie.“ Das klingt schon fast kitschig. Phantasie mit P geschrieben natürlich. Wörter mit P und h geschrieben beruhigen sie, so wie sie auch gestickte Rosenmuster beruhigend findet, obwohl sie immer wieder behauptet, Kitsch zu hassen. Mit P und h, like in the old days, mit P und h wie bei Phallus. Dabei ist sie noch gar nicht einmal so alt.

Oder Photosynthese. Sie müssen komisch aussehen für die Grundschüler von heute, diese Wörter. Wahrscheinlich können diese kleinen Kinderköpfe das zarte f nicht mehr sehen, welches die Lippen beim Lesen dieser Wörter formen sollen, wenn sie die Ph-Kombination lesen. Wahrscheinlich stolpern sie alle ungeschickt über die Laute, verfransen sich dabei fast die Lippen. Telep-Hon und P-Hotograp-Hie. Sie kann die Wörter förmlich aus den Kindermündern fallen sehen. Die Deutschlehrer sich bemühen, erklären, ausholen, auf gerunzelte Kinderstirnen stoßend. Nicht die Hände, eher die Erklärungsversuche. Sie sieht sie aufgeben, die Lehrer. Telep-Hon und P-Hotograp-Hie werden zu Phantasiegestalten, nein, zu Fantasiegestalten. Zarte unverstandene Gestalten aus der Tiefsee. Oder: Japanische Erfindungen, die sich niemals durchgesetzt haben. Sie müssen komisch aussehen für die Grundschüler von heute, diese Wörter. Wie ein kleines Urtierskelett, ein Urtierchen. Wobei diese wohl zu klein sind um Skelette zu haben. Eher wie ein Nautilus. Nautilus. Zwei Nautilusse. Nautileen? Nautilanten, so tauft sie sie. Die gibt es allerdings immer noch. Schöne Tiere. Nautilanten. Schönes Wort.

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2 Gedanken zu “Pfand

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